Algen und Grünbeläge sind winzige Pflanzen. Zum Wachsen brauchen sie Licht, ein wenig Nährstoff aus Staub und Pollen und Feuchtigkeit. Licht und Nährstoffe gibt es an jeder Fassadenseite, der entscheidende, begrenzende Faktor ist das Wasser. Deshalb hängt es vom Feuchtehaushalt einer Wandseite ab, ob sie vergrünt. Wo die Wand nach Regen oder Tau rasch abtrocknet, haben Algen keine Chance. Wo sie stundenlang klamm bleibt, siedeln sie sich an.
In Deutschland ziehen Wind und Regen überwiegend aus westlicher bis südwestlicher Richtung heran. Diese Seite bekommt den meisten Schlagregen ab, also Regen, den der Wind direkt gegen die Wand drückt. Sie wird häufiger und tiefer durchnässt als die übrigen Seiten, und der Wind trägt zusätzlich Sporen heran. Damit ist die Wetterseite ein idealer Ort für dunkle und grüne Beläge.
Die Nordseite bekommt über den Tag wenig bis keine direkte Sonne. Sie bleibt kühler, und alles, was sie an Nässe abbekommt, sei es Regen, Tau oder Nebel, verdunstet nur langsam. Genau diese dauerhafte Klammheit macht die Nordseite zum Klassiker für grüne und mitunter rötliche Beläge, oft sogar dann, wenn sie gar nicht die Hauptwetterseite ist.
Die Süd- und teilweise die Ostseite profitieren von direkter Sonne. Die Wärme und das UV-Licht trocknen die Oberfläche innerhalb weniger Stunden und hemmen das Algenwachstum zusätzlich. Deshalb bleibt die Sonnenseite meist am längsten sauber. Ganz gefeit ist aber auch sie nicht. Manche rötlichen Algen schützen sich mit eigenen Farbpigmenten vor der Sonne und halten sich sogar hier, und dunkle Pilzflecken treten auf trockeneren Flächen ebenfalls auf, weil Pilze lange Trockenphasen überstehen. Der flächige grüne Schleier bleibt aber typischerweise den feuchten Seiten vorbehalten. Das ist zugleich der beste Beweis dafür, dass nicht der Schmutz in der Luft über den Bewuchs entscheidet, sondern die Feuchtigkeit. Sonst müssten ja alle Seiten gleich aussehen.
Es braucht nicht einmal Regen. Besonders an gut gedämmten Fassaden kühlt die dünne Außenschicht nachts stark aus, weil kaum noch Wärme von innen durch die Wand nach außen dringt. Sinkt die Oberflächentemperatur unter den Taupunkt, bildet sich am Morgen ein feiner Feuchtigkeitsfilm, ähnlich wie Tau auf einer Wiese. Dieser Film hält sich oft bis in den Vormittag und liefert den Algen Tag für Tag Nachschub, ganz ohne einen Tropfen Regen. Das erklärt, warum manche modern sanierten Häuser schneller vergrünen als alte, ungedämmte. Dass wirklich die Temperatur dahintersteckt, verrät oft ein Muster: Wo Dübel unter dem Putz sitzen oder hinter der Wand eine Heizkörpernische liegt, dringt etwas Wärme nach außen, und genau dort bleiben kleine runde oder helle Flecken sauber, während ringsum alles vergrünt.
Zur Himmelsrichtung kommen örtliche Einflüsse. Ein Baum oder das Nachbarhaus wirft Schatten, eine Hecke direkt vor der Wand hält die Luft feucht und nimmt Sonne weg, ein fehlender Dachüberstand lässt Regen ungebremst über die Fläche laufen. Solche Stellen können sogar eine eigentlich sonnige Seite in einer Ecke vergrünen lassen. Deshalb ist der Bewuchs selten gleichmäßig, sondern genau dort am stärksten, wo mehrere dieser Faktoren zusammentreffen.
Dass nur eine Seite grün wird, ist also normal und kein Zeichen für schlechte Bausubstanz. Für die Reinigung bedeutet das zweierlei. Zum einen genügt es oft, gezielt die betroffene Seite zu behandeln statt des ganzen Hauses. Zum anderen kehrt der Belag auf der feuchten Seite ohne Gegenmaßnahme zuverlässig zurück.
Wirklich länger sauber bleibt die Wand, wenn nach einer schonenden Reinigung ohne Gerüst die Feuchtigkeit reduziert wird, etwa durch das Zurückschneiden von Bewuchs, und ein wasserabweisender Langzeitschutz aufgetragen wird, der die Wand schneller abtrocknen lässt.
Ein praktischer Hinweis für den Winter: Lüften Sie stoßweise mit weit geöffneten Fenstern, statt die Fenster dauerhaft zu kippen. Sonst strömt warme, feuchte Raumluft nach außen und schlägt sich an der kalten Wand über dem Fenster nieder, wo sich rasch dunkle Beläge bilden. Halten Sie außerdem Hecken und Sträucher mit etwas Abstand zur Fassade, damit die Luft zirkulieren und die Wand nach Regen zügig abtrocknen kann.
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